Letzte Aktualisierung am August 22, 2026 by Christian Heide

Wer an den katalanischen Modernisme denkt, hat meist sofort Barcelona vor Augen: die Sagrada Família, Park Güell, Casa Batlló oder Casa Milà. Doch nur rund 100 Kilometer westlich von Barcelona wartet in Reus ein architektonisches Juwel, das selbst viele Barcelona-Kenner noch nicht gesehen haben. Die Casa Navàs gehört zu den außergewöhnlichsten Modernisme-Bauten Kataloniens.

Wir machten einen Tagesausflug von Barcelona in die kleine Stadt in Katalonien, in der der berühmte Architekt Antoni Gaudí geboren wurde. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelte sie sich zu einem wichtigen Handels- und Wirtschaftszentrum. Daher finden wir heute ähnlich wie in Barcelona eine Fülle an einzigartigen Gebäuden des katalanischen Jugendstils. Das überraschte uns, da wir bisher nicht viel von der Stadt gehört hatten. Es gibt sogar eine Ruta del Modernisme. Sie ist ein selbstgeführter Rundweg, der zu 26 bedeutenden Jugendstil-Gebäuden führt. Alle Stationen sind mit Plaketten im Boden markiert. Für alle Architektur-Liebhaber ist Reus daher eine Reise wert.

Wir buchten eine geführte Tour – Spanisch und Englisch werden gleichzeitig angeboten. Der Guide wechselt regelmässig die Sprachen, so dass man alle wichtige Infos bekommen kann. Wärend der knappen Stunde konnten wir auch viele Fragen stellen. Sobald wir Casa Navàs betraten, fühlt es sich ein wenig so an, als würden wir eine Zeitreise antreten.

Entworfen wurde das Gebäude von Lluís Domènech i Montaner, einem der bedeutendsten Architekten dieser Epoche. Für uns ein Alter bekannter, weil wir zahlreiche spektakuläre Gebäude aus Barcelona von ihm kennen wie das atemberaubende Konzerthaus, Palau de la Música, das unfassbare Krankenhaus Sant Pau oder die Familienresidenz Casa Lleó Morera. Während die Fassade vielleicht etwas weniger spektakulär wirkt als die berühmten Häuser Gaudís, entfaltet sich ihre eigentliche Magie im Inneren.

Ein Haus mit nahezu unbegrenztem Budget

Die Geschichte der Casa Navàs beginnt um die Jahrhundertwende. Reus war damals eine wohlhabende und wirtschaftlich bedeutende Stadt und nach Barcelona eines der wichtigsten Zentren Kataloniens. Joaquim Navàs war ein erfolgreicher Textilhändler. Gemeinsam mit seiner Frau Pepa Blasco beauftragte er Lluís Domènech i Montaner mit dem Bau eines außergewöhnlichen Wohn- und Geschäftshauses direkt an der Plaça del Mercadal, dem zentralen Platz von Reus.

Domènech i Montaner erhielt außergewöhnlich viel kreative Freiheit und ein großzügiges Budget. Zwischen 1901 und 1908 entstand deshalb kein gewöhnliches Bürgerhaus, sondern ein Gesamtkunstwerk, bei dem Architektur und Kunsthandwerk miteinander verschmelzen. Für die Gestaltung arbeitete der Architekt mit einigen der besten Künstler und Kunsthandwerker seiner Zeit zusammen. Dazu gehörten unter anderem Gaspar Homar für Möbel und Holzarbeiten sowie der Mosaikkünstler Lluís Bru.

Ein künstlicher Garten aus Stein, Glas und Farbe

Schon im Eingangsbereich wird deutlich, dass die Casa Navàs anders ist. Blumen und Blätter tauchen überall auf. Sie wachsen scheinbar aus dem Stein, erscheinen in Mosaiken, schmücken Holzarbeiten und finden sich in den kunstvollen Glasfenstern wieder. Besonders beeindruckend sind die zahlreichen Buntglasfenster. Insgesamt verfügen die erhaltenen Glasarbeiten über eine Fläche von rund 200 Quadratmetern. Das Licht verändert die Räume ständig. Je nach Tageszeit wirken die Farben anders. Dazu kommen Mosaike, Keramik, Stuckarbeiten, Seidentapeten, Lampen und kunstvoll geschnitzte Möbel.

Die Casa Navàs ist deshalb kein Gebäude, das man einfach nur besichtigt. Man muss sich Zeit nehmen und die vielen kleinen Details entdecken.

Das Treppenhaus – der erste große Wow-Moment

Einer der Bereiche, die uns besonders beeindruckt haben, ist das große Treppenhaus. Mosaike, Keramik, Holzarbeiten und Glas verschmelzen hier zu einer einzigen dekorativen Komposition. Über dem Treppenbereich befindet sich ein großes Oberlicht aus Glas, durch das Tageslicht in das Gebäude fällt. An den Wänden entdecken wir einen farbenprächtigen Mosaikgarten. Und auch hier lohnt es sich, nicht nur nach vorne zu schauen. Wer den Blick nach oben richtet, entdeckt immer wieder neue Details.

Wo Architektur, Kunst und Alltag zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen

Das Innere von Casa Navàs ist ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk des katalanischen Modernisme und vermittelt zugleich einen faszinierenden Einblick in das Leben der wohlhabenden Familie Navàs zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Wohnzimmer treffen kunstvolle Holzarbeiten, Seidentapeten, dekorative Lampen und Möbel aufeinander. Die große Galerie zur Plaça del Mercadal bringt Licht in den Raum, während zahlreiche originale Einrichtungsgegenstände bis heute erhalten geblieben sind. Selbst das originale Telefon erinnert daran, wie modern und komfortabel die Familie damals lebte.

Casa Navàs war Wohnhaus und Geschäft zugleich. Im Erdgeschoss befand sich das Textilgeschäft der Familie, während die Küche über einen Speiseaufzug direkt damit verbunden war. Auch in anderer Hinsicht war das Haus seiner Zeit voraus: Elektrisches Licht, Telefon und eine fortschrittliche Heizungsanlage machten die Casa Navàs zu einem ausgesprochen modernen Zuhause. Die privaten Räume setzen den luxuriösen Stil fort. Im Hauptschlafzimmer trennen kunstvolle Glas- und Holzelemente Wohn- und Schlafbereich, während das vollständig ausgestattete Badezimmer mit Badewanne, Waschbecken und Bidet den hohen Lebensstandard der Familie widerspiegelt. Ein großes Buntglasfenster taucht den Raum in farbiges Licht.

Auf der Terrasse verschmelzen Architektur und Kunst erneut. Keramische Pflanzgefäße, schmiedeeiserne Konstruktionen und farbenprächtige Mosaike schmücken den Außenbereich. Die Mosaike erzählen historische Geschichten, darunter die Abreise von König Jaume I. von Salou zur Eroberung Mallorcas und eine idealisierte Darstellung von Thessaloniki. Damit zeigt Casa Navàs eindrucksvoll, dass die dekorativen Elemente des Modernisme nicht nur der Verschönerung dienten. Sie erzählen Geschichten, verweisen auf historische Ereignisse und spiegeln die kulturellen Interessen ihrer Bewohner wider. Gerade das Zusammenspiel aus Architektur, Kunsthandwerk, Technik und Geschichte macht den Besuch der Casa Navàs zu einem besonderen Erlebnis.

Die dunkle Seite der Geschichte

So prächtig Casa Navàs heute wirkt – ihre Geschichte hat auch eine tragische Seite. Während des Spanischen Bürgerkriegs wurde Reus mehrfach bombardiert. 1938 traf eine Bombe auch Casa Navàs. Dabei wurden große Teile des Daches und Bereiche des zweiten Stockwerks zerstört. Besonders schwer getroffen wurde der Eckturm, der ursprünglich der Fassade ihre elegante Silhouette verliehen hatte. Lange Zeit musste Casa Navàs deshalb mit einer beschädigten Fassade leben. Ein Teil des zerstörten Fassadengiebels wurde 2020 rekonstruiert. Die Rekonstruktion des Turms wurde 2025 fertiggestellt – 87 Jahre nach seiner Zerstörung. Damit hat die Casa Navàs ihre ursprüngliche äußere Erscheinung weitgehend zurückerhalten. Gerade wenn man diese Geschichte kennt, betrachtet man die Fassade danach mit ganz anderen Augen.

Unser Fazit

Was uns an der Casa Navàs besonders gefällt, ist ihre Lage mitten in Reus, abseits der großen Touristenströme Barcelonas. Die Stadt ist die Heimatstadt von Antoni Gaudí und besitzt zahlreiche weitere beeindruckende Modernisme-Gebäude. Die Casa Navàs gehört dabei zweifellos zu den Höhepunkten. Anders als bei vielen berühmten Bauwerken in Barcelona kann man die Architektur hier wesentlich ruhiger erleben. Für uns ist Casa Navàs eines dieser Gebäude, bei denen man nach dem Besuch gerne noch einmal zurückkehren möchte. Überall entdeckt man neue Details: ein Mosaik, ein Buntglasfenster, eine geschnitzte Holzarbeit oder ein ungewöhnliches Ornament. Gerade diese Fülle macht ihren besonderen Reiz aus. Wer Reus besucht, sollte dieses außergewöhnliche Modernisme-Juwel nicht verpassen.

Wie kommst du von Barcelona nach Reus?

Von Barcelona aus erreichst du Reus am einfachsten mit dem Regionalzug. Die Züge fahren unter anderem von Barcelona-Sants, Passeig de Gràcia und Estació de França ab und benötigen für die Strecke nach Reus etwa 1,5 Stunden. Je nach Verbindung und Ticket kostet die einfache Fahrt ungefähr 9 bis 15 Euro. Vom Bahnhof Reus sind es anschließend rund 10 bis 12 Minuten zu Fuß bis zur Plaça del Mercadal, wo sich die Casa Navàs befindet. Für einen Tagesausflug von Barcelona ist die Zugverbindung daher eine unkomplizierte und entspannte Möglichkeit, die Casa Navàs und weitere Sehenswürdigkeiten von Reus zu entdecken.